Warum sind virtuelle Meetings anstrengend?

Der gewerbliche Sektor wird unweigerlich in Zukunft ansteigend und dauerhaft über Remote- oder virtuelle Meetings sowie Webinaren kommunizieren. Über alle Branchen hinweg trampelt das Gefühl der Erleichterung über die vorhandene technische Errungenschaft mit einem gehauchten „geht doch“ jeden Zweifel darüber nieder, ob Vorbereitung und Durchführung auf dieselbe Art und Weise vollzogen werden kann wie in bisherigen Präsenz-Meetings. Doch: Weit gefehlt. 

Nicht nur leise schleicht sich ein Unbehagen bis in die Chefetagen ein: Die Qualität und Vollständigkeit des Informationsaustausches lässt zu Wünschen übrig, es ist ermüdender und benötigt mehr Zeit! Nicht alle merken das, nicht alle hören genau hin – wie immer geht es um Wahrnehmung und um Ignoranz.

Warum also?

Es ist nicht mehr so einfach, fehlende Vorbereitung durch kollegiales Schulterklopfen und bestenfalls gender-unspezifischen Teamsprüchen aus dem Lager von „Ihr macht das schon“ mit einem seitlichen Zwinkern oder einer ausladenden Geste weg zu delegieren; Blickkontakte sind reine Illusion; das verbindende Erlebnis am Parallel-Urinal fällt flach und der bilaterale Flurfunk beim Pausentee ist auch gestrichen. Am Ende bleiben mehr Kommunikations- sowie Informationslücken als bisher und zwingen eine Heerschar zur Nachbesserung um dem Gespenst der mangelnden Effektivität zu entrinnen – seriöse Betrachter fürchten schon, die zukünftigen Einsparungen in Reisen und Bürofläche wieder zu verspielen. Auf Dauer geht das nicht gut. 

Damit nicht genug: Die Nasenloch-Perspektive ist schon lange nicht mehr witzig, die weisse Wand hinter dem dunklen Gesicht irritiert nach 30 Minuten mehr als das Knarzen der Tischplatte, was komischerweise über das kabelverbundene, formschöne Mickey-Mouse-Headset lauter ist als die monotone Stimme im Raumhall des Gastgebers. Das kann man maximal 1 Stunde pro Tag ertragen, dennoch ermüded es enorm. Unser Hirn versucht nicht nur das Gegeneinanderplappern und die unterschiedliche akustische Qualität zu kompensieren, es muss auch versuchen, auf kleinsten Bildschirmbereichen den kläglichen Rest von Mimik zu dechiffrieren – sofern da irgend etwas angeboten wird. Stützende und bestätigende Seiteninformationen fehlen vollends – der Aufwand, zufriedenstellend die Informationslücken zu schließen ist mitunter anstrengender und befeuert die Ursachen des Burn-outs: Überforderung und Perspektivlosigkeit.

Deswegen, also!

Wir überfordern, ermüden schneller, verlieren Nähe, Vertrauen und Informationen und sollten schleunigst den Verlust non-verbaler Kommunikation kompensieren. 

Auch wenn die grundlegenden Kommunikationsregeln unberührt bleiben, so wird unser Kommunikationsaustausch mit noch mehr Filtern verschleiert als wenn man sich gegenüber steht (von THUN?). Wir brauchen eine spezifische Wahrnehmung, Erkenntnisse und Handlungsanweisungen.

Erkenntnisse: 

  • Remote-Meetings können Präsenz-Begegnungen nicht vollständig ersetzen
  • Qualitätsverluste beeinträchtigen die Gesundheit, die Effektivität – und am Ende den unternehmerischen Erfolg
  • Die Qualität von Remote-Meetings muss durchweg stabilisiert werden: technisch, gestalterisch und kommunikativ
  • Neue Kommunikations- und Verhaltensgrundregeln beherzigen
  • Eine gute Schulung, präzise Vorbereitung und mehr Zeit sind unabdingbar

Kein Wunder, dass sich Lehrervertreter und Betriebsräte über die zahlreichen Erschöpfungsmeldungen irritiert zeigen. 

Es bleibt der Apell an die Verantwortlichen: Das home office am Wohnzimmertisch kann keine dauerhafte Lösung sein – umso wichtiger ist die Professionalisierung der Moderatoren und aller Teilnehmer, unabhängig vom eingesetzten Meeting-Tool.